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Kontrollierter Konsum - Illusion oder Chance?

Ein Wunsch, den viele Abhängigkeitserkrankte teilen, ist die Vorstellung, ihr Suchtmittel in kontrolliertem Maß konsumieren zu können. Sich nicht komplett von den positiven Effekten der Substanz verabschieden zu müssen, weiterhin einige „chillige Stunden“ oder ab und zu eine „rauschende Party“ feiern zu können. Und das alles, ohne die Vielzahl an langfristigen, negativen Folgen, die der regelmäßige Konsum mit sich brachte. Hören Betroffene vom Konzept des Kontrollierten Konsums, tritt oft eine ähnliche Wirkung ein: Es fällt Druck von ihnen ab. Der Druck, sich vollends vom Suchtmittel zu verabschieden und ohne „Betäubung“ schwierige Gefühle bewältigen zu müssen. Wiederum löst die Vorstellung einer Abstinenz häufig Angst, Überforderung oder auch Versagensängste aus. Hat ein Suchtmittel jemanden über viele Jahre täglich „begleitet“ und ihm vermeintlich dabei geholfen, den Alltag zu überstehen, ist es schwer vorstellbar, von nun an alleine „klarzukommen“.


Zur Beantwortung der Frage, ob ein kontrollierter Konsum eine Illusion oder Chance ist, sind einige Faktoren zu berücksichtigen. Ganz entscheidend sind meines Erachtens zwei Faktoren: Die Dauer der Abhängigkeit und die Anzahl der Therapie- bzw. Abstinenzversuche. Ist jemand bereits seit 20 Jahren abhängig, hat mehrere stationäre Therapien und viele gescheiterte Abstinenzversuche hinter sich, kann das Konzept des Kontrollierten Konsum eventuell dabei helfen, sich überhaupt nochmal zur Reduktion des Konsums zu motivieren. Zu unrealistisch erscheint das Ziel einer Abstinenz. Bereits der Begriff löst oft schon Widerstand aus. In solchen Fällen sollten realistische Therapieziele, in Richtung einer Konsumreduktion, vereinbart werden. Dies stärkt die Selbstwirksamkeitserwartung des Betroffenen und erhöht somit die Zielerreichungswahrscheinlichkeit.

Sofern die Abhängigkeitserkrankung von etwas kürzerer Dauer und auch noch keine Vielzahl an gescheiterten Abstinenzversuchen vorliegt, strebe ich mit dem Betroffenen vorrangig die Erarbeitung einer Abstinenzmotivation an. Für eine Vielzahl von Menschen ist es sogar einfacher, auf etwas komplett zu verzichten, als sich immer wieder disziplinieren zu müssen. Als Vergleich: Würde es Ihnen einfacher fallen, sich ein Mal im Monat vor eine Pizza oder eine Tafel Schokolade zu setzen und nur ein kleines Stück davon zu essen oder diese Lebensmittel gar nicht erst vorgesetzt zu bekommen? Das ist natürlich auch eine Typfrage und sehr individuell. Allerdings fällt es vielen Menschen leichter, dem Reiz weitestgehend ganz aus dem Weg zu gehen. Die Konfrontation mit der Substanz bedarf eines hohen Maßes an Selbstbeherrschung, um keinen Kontrollverlust zu erleben. Die „Suchtstrukturen“ im Gehirn sind nicht „löschbar“ (sehr vereinfacht ausgedrückt). Abhängigkeitserkrankte sind chronisch krank. Sie müssen ihr Leben lang aufpassen, sich von Triggern nicht verführen zu lassen. Das ist verdammt schwierig, weshalb die Rückfallquoten sehr hoch sind. Vielleicht geht es in manchen Fällen auch nicht ganz ohne Rückfälle. Jeder Rückfall ist zumindest immer auch eine Chance, sich weiterzuentwickeln und neu zu lernen: „Was sind meine Gefahrensituationen, wo lauern Rückfallrisiken?“

Kontrollierter Konsum ist sicherlich keine komplette Illusion. Aber ehrlich gesagt funktioniert es nur sehr selten. Die Gefahr, sich selbst zu täuschen („Ab morgen wieder weniger, heute ist eine Ausnahme…“) ist doch recht hoch. Auch trennt man sich, bei kontrolliertem Konsum, häufig nicht vom alten Umfeld (Dealer, „Konsumfreunde“) - ein essentieller, aufrechterhaltender Faktor der Sucht. Oft müssen diese Erfahrungen allerdings erst selbst gemacht werden, um eine intrinsische Abstinenzmotivation zu entwickeln.

Es sind - wie in jeder Therapie - stets ganz individuelle Ausgangssituationen, Umstände und Verläufe. Die Therapieziele sind daher nicht nach „Rezept A oder Rezept B“ zu stecken, sondern mit dem Betroffenen gemeinsam herauszuarbeiten und ggf. im Prozess anzupassen.


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